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Benutzer&Leser (Usability, HCI) Benutzerführung, Navigationskonzepte und Benutzerschnittstellen20.03.2000 von Christo Börner Aus jüngsten Studien über das Benutzerverhalten schliessen manche Analysten inzwischen schon, dass Navigation nutzlos sei und es nur mehr auf den Inhalt ankomme. Angenommen, eine Site bietet interessanten, wertvollen, relevanten und aktuellen Inhalt an, müssen wir uns doch fragen, wie der Besucher sich diesen erschliessen soll. Ergo: Ohne ein schlüssiges Navigationskonzept, das sich allerdings ausschliesslich am Inhalt orientieren muss (und dadurch schlüssig wird), kommt keine Website aus. Inhaltsverzeichnis
Doch gehen wir zunächst einmal auf die zuvor erwähnten Studien ein. Verschiedene Untersuchungen kommen unabhängig voneinander immer wieder zu gleichen Ergebnissen, die so zusammengefasst werden können:
Trotz oder gerade wegen dieser Ergebnisse können wir nicht den Schluss ziehen, dass Navigation nutzlos oder gar sinnlos sei. Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das ein typisches Benutzerverhalten über Sites und Studien hinweg charakterisiert. Und das sich dazu auch über mehrere Jahre und mit verschiedenen Browser-Versionen oder Plattformen gehalten hat. Relevanter Inhalt Dass eine Site mit relevantem Inhalt oder Content, um das gängigere Wort zu benutzen, aufwarten soll, ist inzwischen jedem bekannt. Doch was ist relevant? Um die Frage zu beantworten, müssten Sie als Site-Betreiber jeden Ihrer Besucher schon vor seinem Besuch kennen. Relevanter Inhalt ist gewiss nicht selbstgefälliges PR-Material, das mit den Interessen und Bedürfnissen der Besucher weniger zu tun hat als mit der Prestige-, Macht- und Gewinnmotivation der Site-Betreiber.
Halten wir einmal fest, dass relevanter Content prinzipiell mit irrelevantem konkurriert:
Gutes Negativbeispiel war die Website der Toronto Dominion Bank, die auf über 5.000 (!) Seiten über Dienstleistungen oder interne Geschäftsentwicklung informierte. Dazu der Vizepräsident dieser Bank: 'Oft verlassen die Kunden unser Angebot, noch bevor sie eine für sie geeignete Information gefunden haben. Einerseits nämlich soll das Angebot möglichst alle Kundenbedürfnisse befriedigen, andererseits aber jedem Kunden gezielt die für ihn relevanten Informationen anbieten. Verbesserte Navigationshilfen trugen nicht zur Lösung des Problems bei.' Was uns hier etwas weiterbringen kann, ist die Untersuchung der Motivation eines Besuchers. Warum kommen Besucher auf eine Site und was wollen sie? Die Psychologie nähert sich diesem Problem, indem sie so genannte 'Motivtaxonomien' aufstellt, einen Katalog, der Motivationen und ihre Funktionen möglichst ausführlich beschreibt. Wir sollten also zunächst wissen, ob ein Besucher aus reiner Neugier oder zur Kontaktaufnahme, aus Bequemlichkeit oder Sicherheitsbedürfnis, zur Optimierung seiner eigenen Effizienz oder Gewinnerzielung, Prestigebedürfnis, Spieltrieb oder welchen Gründen auch immer auf eine Website kommt. Diese Liste muss den individuellen Bedürfnissen, Anforderungen und Angeboten eines Site-Betreibers bzw. einer Website angepasst werden.
Vor dem Hintergrund einer solchen durch Zielgruppen-Analyse erkannten Motivstruktur der Besucher ist der Begriff des 'relevanten Contents' wesentlich besser einzugrenzen und zu verwirklichen. Und mit diesen Erkenntnissen gehen wir über zu den konzeptionellen Möglichkeiten von Navigationssystemen.
Hierarchische Kategorien oder Rubriken enthalten jede
für sich separate Themen. Das muss aber nicht bedeuten, dass ein spezieller
Inhalt nicht auch in einer weiteren Rubrik untergebracht werden kann. Seien Sie
nie zu dogmatisch mit dem hierarchischen Modell. Vermeiden Sie zu viele
Querverbindungen, um Ihre Hierarchie nicht planlos zu machen. Aber verlassen Sie
sie auch dann, wenn weiter unten liegender Inhalt für den Benutzer relevant
ist, indem Sie auf höherer Hierarchie-Ebene zusätzliche
Verknüpfungen anbieten. Lassen Sie dabei die Hierarchie keinesfalls zu einem Abbild der Organisationsstruktur Ihres Unternehmens werden. (Lesen Sie mehr zu dieser Problematik in dem Artikel 'Welche einmaligen Anforderungen stellt das Web an Marketing und Firmenkommunikation' unter 'Fehlende Unternehmenskommunikation bringt keinen Inhalt'.)
Bedenken Sie Breite und Tiefe (die Anzahl von
Auswahlmöglichkeiten auf jeder Ebene der Hierarchie und die Anzahl von
Ebenen innerhalb der Hierarchie).
Inhaltsverzeichnis
Index
Sitemaps
Bieten Sie lieber Links zu allen
Ebenen oberhalb der aktuellen Seite an. Das hat noch dazu den Vorteil, dass der Benutzer klar erkennt, wie die Seite im Gesamtkontext eingebettet ist, und wo er sich befindet. Für den Fall, dass die aktuelle Seite nicht das bietet, wonach er sucht, gelangt er direkt auf die übergeordnete Ebene und kann von dort aus sein Ziel erreichen. Die Suchmaschine 'Yahoo' z. B. zeigt klar die Hierarchie-Ebenen, die Sie auf eine bestimmte Site, z. B. auf Yahoo's 'O'Reilly and Associates'-Site bringen: Top > Business and Economy > Companies > Publishing > Science and Technical > Computers > O'Reilly and Associates, Inc. Überlegen Sie zweimal, bevor Sie in einen Text einen Link einbetten (Embedded Link), der zu wichtigem Inhalt führt. Beim Überfliegen des Textes kann es leicht passieren, dass solche wichtigen Verweise übersehen werden. Wichtige Ad-hoc-Links sollte man besser in einem separaten Absatz oder gar zusammengefasst als Menü oder als Auflistung, evtl. am Ende des Textes, platzieren.
Machen Sie auf jeden Fall den Zusammenhang mit dem verknüpften Inhalt klar. Wenn ich z. B. schreibe, ich arbeite als freier Autor für Internetmanagement.ch, was erwarten Sie von dem Link? Eine Auswahl meiner Artikel, meine Biografie oder vielleicht eine Abhandlung über Autorenrechte? Hier müsste ich präzisieren: 'Ich arbeite als freier Autor für Internetmanagement.ch, hier finden Sie eine Auswahl meiner Artikel', um Ihnen den zu erwartenden Inhalt zu verdeutlichen. Als Beispiel: Ihre Site hat 3 Hauptsektionen: Produkte, Information und Kontakt. Auf der Hauptseite jeder dieser Sektionen, den Seiten der zweiten Ebene (Second Level Pages), haben Sie eine Navigationsleiste mit Links zu der eigentlichen Startseite (First Level) und den Einstiegsseiten zu den beiden anderen Sektionen (Second Level). Sie können die Navigationsleiste von der Startseite weglassen, weil sie ohnehin schon zu den 3 Sektionen der zweiten Ebene verweist. Wenn Ihre Site klein ist, implementieren Sie ein einfaches globales Navigationssystem mit einem Link zurück zur Startseite auf jeder Einzelseite.
Ein komplexeres globales Navigationssystem hat die Links zu Produkte, Information und Kontakt auf jeder Einzelseite, nicht nur auf denen der zweiten Ebene. Z. B., eine Produktseite innerhalb der Katalogsektion würde Links zur Startseite sowie auch zu den 3 Einstiegsseiten der zweiten Ebene anbieten. Es liegt bei Ihnen zu entscheiden, ob das für Ihre Site notwendig ist. Grafische Navigationsleisten präsentieren Links als Imagemaps, Icons oder sonstige Grafiken. Das einzig gute Argument für grafische Navigationsleisten ist, dass sie von einem kompetenten Grafikdesigner gestaltet ziemlich gut aussehen. Wie auch immer, grafische Navigationsleisten brauchen längere Ladezeiten als textbasierte. Sie können das dadurch verbessern, indem Sie die gleiche Navigationsleiste durch die Site hindurch verwenden, so dass sie zwischengespeichert (cached) wird und nach dem ersten Laden schneller erscheint. Denken Sie an den Aufwand, der Ihnen eine grafische Navigationsleiste bereiten kann, wenn Ihre Site wächst. Es ist viel einfacher, eine Textnavigations-Option hinzuzufügen als einer grafischen Navigationsleiste eine neue Sektion. Wird Ihr Grafikdesign im eigenen Haus angefertigt, ist die Veränderung zeitaufwendig. Wenn Sie externe Grafikdesigner beauftragen, sind Änderungen immer teuer.
Haben Sie sich einmal entschlossen, eine grafische Navigationsleiste zu implementieren, verwerfen Sie nicht vollständig das geschriebene Wort. Navigationselemente ausschliesslich aus Bildern sind selten effektiv, also verwenden Sie nicht nur eine Navigationsleiste voll von Bildern und erwarten, dass Ihre Besucher diese verstehen. Setzen Sie mindestens den ALT-Tag oder sogar eine kleine textbasierte Navigationsleiste als Ergänzung zu Ihren attraktiven grafischen ein. Dadurch sind auch die Benutzer, die das Laden von Grafiken im Browser deaktiviert haben, in der Lage zu navigieren. Mit anderen Worten, ein Interface-Design muss intuitiv von jedem Site-Besucher verstanden und angewandt werden können. Wenig hilfreich sind hierfür der Einsatz von Grafiken zum Zweck einer visuellen Kommunikation. Wenn diese sich noch dazu rotierend auf dem Bildschirm präsentieren, um am Ende der Animation einen nichtssagenden Link zu produzieren, ist die Konfusion des Besuchers perfekt. Simple Gestaltungsanforderungen sollten nicht mit hochkomplexen multimedialen Installationen gelöst werden. Grundsätzlich falsch ist es, an den Gewohnheiten der Internet-Surfer etwas ändern zu wollen. Navigationsleisten oben oder am linken Rand sind inzwischen zu einem Standard geworden. Nur bieten sie oft zu wenig Platz für den gesamten Site-Inhalt.
Immer mehr Websites wollen jedoch ihren Besuchern den Inhalt der kompletten Site auf einen Blick präsentieren. Grössere Sites sind daher auf interne Suchmaschinen und Sitemaps als Navigationshilfen auf separaten Seiten angewiesen, denn es ist kaum möglich, die Navigation für die gesamte Site so einzubauen, dass sie wegen ihres Umfangs die Gesamtoptik nicht stört. Zwar ist es möglich, durch Bilder eine visuelle Unterstützung von Aussagen oder Links zu erreichen, aber sie können Wörter nicht ersetzen. Machen Sie selbst einmal den Versuch und denken sich von Ihrer oder von einer beliebigen Website die Wörter weg. Bleiben Ihnen noch ausreichend Informationen, um sich weiter durch die Site bewegen zu können? Bis auf ein paar wenige Fälle (z. B. ein Icon von einem Haus für die Startseite oder einem Briefkasten für eMail) werden Sie ziemlich ratlos und damit tatenlos vor der Seite sitzen.
Informationen und Wissen werden hauptsächlich durch Wörter weitergegeben. Ein visueller Anreiz ist nicht mit Informationsvermittlung gleichzusetzen. Wenn ein Bild mehr als tausend Worte sagt, wie es so gerne heisst, dann müssten etwa vier Bilder diesen Artikel ersetzen können.
Ebenso werden wir gleiche Themen und Inhalte als zusammengehörende Gruppen präsentieren und voneinander abweichende Inhalte davon trennen. Nur so entstehen intuitiv bedienbare Oberflächen. Denn das menschliche Wahrnehmungsvermögen ist darauf ausgerichtet, räumlich nah beieinander liegende Dinge als Einheit zu erfassen. Die Aufteilung inhaltlich oder funktionell gleicher Elemente in unterschiedliche Rubriken schafft eine räumliche Distanz, die nicht geeignet ist, den Site-Besucher in logischer Weise durch den Inhalt zu führen. Alternativ dazu der Mouse-Over-Effekt: Beim Berühren mit der Maus werden die Inhalte eines Navigations-Buttons als reine Information gezeigt, sind also noch nicht anklickbar. Erst durch Klick auf den entsprechenden Haupt-Button gelangt der Anwender auf die nächste Ebene, mit der dann die vorher gezeigten Inhaltsseiten erreichbar sind.
Ebenfalls in diese Kategorie gehört das Pull-Down-Menü. Wohlüberlegt eingesetzt bietet es eine Erweiterung des begrenzten Bildschirms (Screen). Benutzer finden bequem zusätzliche Informationen, ohne den Bildschirminhalt verschieben zu müssen (scrollen). Wobei es immer vorteilhaft ist, Benutzern ihre Möglichkeiten in ein oder zwei Screens zu präsentieren als in einem endlosen Multi-Screen-Modell.
Unerfahrene Surfer, die (noch) nicht an den Einsatz mehrerer gleichzeitig geöffneter Browserfenster gewöhnt sind, lassen sich durch diese Art der Navigation jedoch leicht verwirren und sich damit vom eigentlichen Content ablenken. Der Vorteil für den Site-Betreiber: Sie erhalten die doppelte Menge an Seitenabrufen (Page-Impressions). Der URL in der Adressleiste zeigt die erste Ebene des Framesets, nicht den individuellen Frame, auf dem Sie sich nach einigen Klicks befinden. Frames zerbrechen URLs, was heisst, dass sie auch das Setzen eines Lesezeichens (bookmarken) erschweren, Suchmaschinen verwirren und den 'Zurück'-Button des Browser ausser Funktion setzen. Framesets haben lange Ladezeiten und sind höchst problematisch auszudrucken. Navigationsleisten innerhalb von Frames nehmen zu viel Screenplatz ein und nerven damit diejenigen, die nicht über riesige High-Quality-Monitore verfügen.
In einer Frame-freien Site ist es für Benutzer einfach, eine spezifische Seite zu bookmarken, den URL an Interessierte per eMail weiterzuleiten oder mit einem Link auf seiner Homepage auf diese eine Seite zu verweisen. All das ist nur im besten Interesse Ihrer Site, machen Sie es also Ihren Besuchern nicht unnötig schwer. Allein die den Zielen Ihres Webauftritts entsprechende Zielgruppe entscheidet darüber, ob eine Benutzerführung logisch aufgebaut ist. Insofern kann vor der Veröffentlichung Ihrer Website ein Test durch eine Auswahl repräsentativer Testpersonen Aufschluss über eine konsistente und damit logische Navigationsstruktur geben.
Aber auch eine nachträgliche Umfrage unter Ihren Site-Besuchern kann noch Erkenntnisse über die Benutzbarkeit bringen. Aufschlussreich sind diese Befragungen aber nur dann, wenn Sie sie möglichst objektiv und vor allem anonym gestalten.
Benutzer sind auf ihrem Weg so ungeduldig, dass sie sich kaum die Zeit nehmen, etwas über eine Site und ihre individuelle Struktur zu erlernen - stattdessen wenden sie sich der nächsten Site zu. Ein sinnvolles Navigationskonzept ermöglicht dem Anwender, intuitiv über seine weiteren Tätigkeiten zu entscheiden und gibt ihm gleichzeitig das Gefühl, dass er die Kontrolle über die Site hat. Und selbst diese Nutzer-Ungeduld kann noch überwunden werden, wenn eine Site und ihr Inhalt es wert sind, vom Anwender erforscht zu werden. Unser Angebot an Sie Weiterführende kostenlose Beratung für Ihre konkreten Aufgaben und Probleme bekommen Sie, wenn Sie eine detaillierte Situationsbeschreibung auf unserer Wissensaustausch-Plattform (auf Wunsch anonym) platzieren. Wir kümmern uns dann um für Sie nützliche Antworten, die wiederum dort veröffentlicht werden, damit auch andere Leser einen Nutzen daraus ziehen können. Möchten Sie künftig über solche und ähnliche Beiträge durch unseren monatlichen Newsletter informiert werden? Dann abonnieren Sie hier den informativen, kostenlosen monatlichen Newsletter für Internet-Manager. Sieben weitere aktuelle Berichte & Kommentare 17.06.2002: Klärung der Begrifflichkeiten und Abgrenzung von MAM gegenüber CM, DM und KM Systemen 02.06.2002: Media Asset Management: Wirtschaftliche Aspekte und Zielgruppen 01.06.2002: Strategische Marketinginfrastruktur als Voraussetzung für Multichannel-Marketing und Crossmedia Publishing 26.05.2002: Herausforderungen für ein Marketing in einer multimedialen und vernetzten Welt 18.03.2002: Das menschliche Mass in der Wissensgesellschaft und im Wissensmanagement 06.02.2002: Aufarbeitung des Firmengedächtnisses am Beispiel der Archive von Banken 03.12.2001: Content erfolgreich kostenpflichtig machen | ||||||||||