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Marketing, Werbung und PR

Das schizophrene Web


18.05.2000

Kein Wunder, dass wir uns darin verlieren, die neuesten und besten Strategien kennenzulernen. Wer versucht, immer den neuesten Trends im eBusiness zu folgen, ist genau so schlimm dran wie jemand, der die letzten Fitness- und Diättrends verfolgt: Diese Woche ist ein Glas Wein pro Tag gut fürs Herz, nächste Woche verursacht dieser Wein schlimme Krankheiten.

Dasselbe passiert in der Internet-Fachliteratur. Ein Experte sagt, Content (Inhalt) ist noch immer die treibende Kraft im Internet. Ein paar Tage später erzählt uns ein anderer Experte, Content sei Zeitverschwendung und dass User im Web lieber aktiv sein wollen, statt darüber zu lesen, wie sie aktiv sein könnten.

So liest sich z. B. in einer Woche in irgendeinem Magazin über die wachsende Zahl von Unternehmenszusammenschlüssen mit einem unersättlichen Bedarf an Content, während ein anderes Magazin vom Ende der Portalsites als Distributoren von Content berichten. Content und der Handel damit bringen anscheinend kein Geld mehr ein.

Lösungen für hausgemachte Probleme
Während Unternehmen nach eBusiness-Solutions suchen, ignorieren sie die fundamentale Absicht des Webs: Information anzubieten. Die grosse Mehrheit der Internet-Nutzer ist immer noch wegen einer Antwort auf eine Frage im Netz, und nicht um ein Business zu erledigen.

Im vorletzten Beitrag auf dieser Website kommentierte ich eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), wonach die wenigsten der Internet-Nutzer online eingekauft haben. In den USA haben diese Online-Einkäufer einen Anteil von knappen 2% am gesamten Einzelhandelsumsatz.

Von diesen Online-Käufen waren wiederum 70% für Computer, Bücher, Musik und Videos. Falls Sie nicht in einer dieser Branchen tätig sind, betrachten Sie unbedingt Content als primäre Strategie zum Aufbau einer Kundenbeziehung.

Paradoxerweise ist Content gleichzeitig eine der teuersten und billigsten Eigenschaften einer Website. Es ist sicherlich billiger, einige informative Artikel auf einer Site zu präsentieren als Sicherheitstechniken und aufwendiges Programmieren. Aber mit der Zeit ist Content der teuerste Kostenfaktor zur ständigen Aktualisierung einer Site, besonders dann, wenn Sie darauf Wert legen, dass Ihr Inhalt stets frisch und aktuell ist.

Es gibt viele Anbieter, so genannte Content-Provider, die Ihnen gerne Content für Ihre Site verkaufen. Es ist vielleicht eine Kosten-effektive und problemlose Möglichkeit, interessanten und neuen Inhalt ohne grossen Arbeitsaufwand zu bekommen. Aber wichtig ist, die Geschäftspraktiken einiger solcher Anbieter zu kennen.

Ein paar Gedanken, die Ihnen helfen, Ihr gutes Geld für guten Content richtig anzulegen:

Wie kann Content Ihr Business fördern?
Können Sie Ihre eigenen Angebote in den Content integrieren oder wird dieser separat bestehen? Die meisten Content-Provider hüten die Nutzungsrechte ihres Contents und erlauben kein Redigieren oder Personalisieren. Sie versuchen, den exakt gleichen Inhalt an Ihre Konkurrenten zu verkaufen, womit Ihnen bzw. Ihrer Site jegliche Differenzierung fehlt. Content ist aber erst dann sinnvoll, wenn er eine Aktion wie z. B. einen Online-Einkauf auszulösen vermag.

Schauen Sie sich einmal eine Website für Hobby-Gärtner an. In einen Artikel über Pflanzen sind Links zum Einkaufen des Beschriebenen integriert, ein Artikel über das Anpflanzen von Blumenzwiebeln verweist auf ein handliches Werkzeug zum Löchergraben. Neben nützlichen Informationen und dadurch dem Aufbau einer Konsumenten- oder Benutzerbeziehung gibt die Site auch an jeder passenden Stelle Möglichkeiten, online zu bestellen.

Befindet sich der Content auf Ihrem Server oder auf dem des Anbieters?
Sie denken mitunter, dass ein Content-Provider Ihnen Content verkauft, aber in Wirklichkeit bekommen Sie nur die Rechte, zu diesem Inhalt, der auf dem Anbieter-Server liegt, einen Link zu setzen. Sie dürfen dann eventuell den Content kennzeichnen, indem Sie Ihr Logo auf der Inhaltsseite platzieren. Aber wenn Sie eines Tages den Vertrag beenden, verlieren Sie auch alle Links und damit jeden Content und können gerade wieder von vorne anfangen.

Fragen Sie, ob der Content nach dem Kauf Ihr Eigentum ist oder ob Sie ihn nur mieten. Und natürlich danach, ob der Content auf Ihrem Server liegt oder ob Sie nur einen Link haben werden.

Bedenken Sie auch, dass Ihre Site nicht von Suchmaschinen oder Web-Verzeichnissen erfasst wird, wenn sich der Content nicht wirklich auf Ihrer Site befindet. Viele Suchmaschinen untersuchen die Keywords einer Seite. Wenn sich der eingekaufte Content nicht auf Ihrer eigenen Website befindet, wird dieser von den Suchmaschinen nicht erkannt. Weil die meisten User Suchmaschinen zum Finden von Content benutzen, werden diese User Ihre Site nicht finden. Auch wenn Sie noch so viel Gebühr oder Honorar für den Content bezahlt haben.

Woher kommt der Inhalt?
Auch die Anbieter kaufen ihren Content meist von jemand anderem. Finden Sie heraus, wer der ursprüngliche Verfasser ist und überprüfen Sie dessen Qualifikation. Ihre Nutzer glauben, der Inhalt komme von Ihnen, weswegen es wichtig ist, dass er von gleicher Qualität und Korrektheit wie Ihre übrige Kommunikation ist.

Wo ist der Ausgang, bitte?
Wie ist Ihre Ausstiegsstrategie, falls die Beziehung einmal abkühlt? Legen Sie sich nicht vorzeitig fest, wenn Sie noch keine klaren Vorstellungen von der langfristigen Qualität des Contents haben. Fragen Sie vor Vertragsunterzeichnung sich selbst und Ihren Content-Provider, wie Sie aus einer unbefriedigenden Geschäftsbeziehung aussteigen können. Handeln Sie auf jeden Fall eine bestimmte Probezeit aus.

So unsicher wir dem nächsten Mikrotrend im Internet folgen (normalerweise hält er etwa 2 Wochen), suchen wir doch auch nach einer Sicherheit, an der wir unsere Strategien ausrichten können. Wir brauchen etwas, in das wir bequem investieren und dabei Nachts noch ruhig schlafen können.

Und so ist es mit dem Content wie mit einer Immobilie: Ihr Wert kann kurzfristig steigen und fallen, aber sie ist langfristig eine sichere Investition. Es ist nichts Besonderes, aber auf die Lage kommt es an.

(boe)





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